Die Geschichte mit meiner Mutter
Wenn ich heute die Treppe hinaufgehe, um meine Mutter zu versorgen, weiss ich nie, was mich erwarten wird. Einmal lag sie morgens angezogen im Bett und konnte sich nicht daran erinnern, wann sie sich angezogen hatte und weshalb. Es musste mitten in der Nacht gewesen sein, sie war desorientiert und völlig verstört. Als sie dann plötzlich die Nacht nicht mehr vom Tag trennen zu können, begann ich wirklich an meiner Aufgabe zu wachsen. Ich war gezwungen, mir etwas auszudenken, um damit klarzukommen, dass ich sie eventuell an dieselbe Art von Demenz verlieren würde, an der auch schon meine Großmutter gelitten hatte.
So begann ich erneut, sie zu fotografieren. Das hatte zweierlei Nutzen: 1. begann sie, sich wieder um ihr Äusseres zu bemühen und 2. konnte ich durch das Objektiv einen distanzierteren Blick einnehmen. Ich ging alle 2-3 Stunden zu ihr, achtete darauf, dass sie regelmässig zur Toilette ging, motivierte sie mit selbstgebackenem süssen Brot und frischen Speisen zum Essen. Einmal hatte sie vergessen, dass sie etwas auf dem Herd stehen hatte, was ich völlig verkohlt in der Küche vorfand: Sie war eingeschlafen. Seitdem hatte sie das Kochen gänzlich aufgegeben. Ich hätte, um ihr helfen zu können, sie ins Kochen einbeziehen müssen. Was ich aber zeitlich nur selten hinbekam. Hauptsache, sie hatte überhaupt Spaß am Essen.

