Der Mann und die Machete
Coyote begegnete mir zum ersten Mal 2010 mitten im Winter. Es brannte nur eine einzige Kerze in dem zugigen Verschlag, und deshalb war es stockfinster. Plötzlich, aus heiterem Himmel, sagte er: „Guck mal, Sylvie, ich zeig Dir jetzt mal was ganz Tolles!“ Er kramte in den Tiefen seines Rucksackes und zog eine Machete heraus.
Er blickte mich an, als wäre ihm gerade die Doktorwürde verleiht worden.
Mir aber blieb fast das Herz stehen.
Mit der Zeit änderte sich mein Bild von ihm. Wir reden oft über die 26 Jahre, die er auf der Straße verbracht hat, und über das, was sie aus ihm gemacht haben. Seine Geschichten sind kurz wie Wintertage, manchmal brutal, oft mit einem Funken schwarzem Humor. Er kann in einem Atemzug erzählen, wie er sich durch Nächte geschlagen hat und später über die seltsamen kleinen Freuden, die ihm bleiben: eine warme Suppe, ein ungewohntes Lächeln, eine Kerze, die nicht ausgeht.
Einmal fragte ich ihn: „Coyote, Du bist doch sicherlich im Heim aufgewachsen?“ Er sah mich an mit diesem waidwunden Blick und rannte davon. Kurz darauf kam er zurück, Tränen in den Augen, und flüsterte: „Sylvie, woher hast Du das gewusst? Bis jetzt weiß das kein Mensch. Niemand kommt so nah an mich dran. Ich erzähle das nie. Niemand weiß das und ich hab noch nie jemand davon erzählt.“
Da sagte ich zu ihm: „Siehste mal, manch einer kennt Dich besser, als Du glaubst. Aber man spürt es: Wenn jemand nie echte, richtige Geborgenheit kennengelernt hat. Nie eine Mutter, bei der man auf dem Schoß sitzen durfte. Wenn jemand sein ganzes Leben lang nur eins war: allein.“ Ich sah ihn an und lächelte sanft. „Und dafür hast Du dich zu einer verdammt großartigen Persönlichkeit entwickelt. Auch wenn Du so ein Spinner bist, der in stockfinsterer Nacht Frauen mit ellenlangen Messern erschreckt.“
Coyote lebt seit seinem 13. Lebensjahr auf der Straße. Vielleicht erklärt die Straße vieles an ihm — die Schroffheit, die Wachsamkeit, die Neigung, sich hinter schrägem Verhalten zu verbergen. Aber sie hat ihn nicht gebrochen. Unter der rauen Schale steckt etwas, das ich nicht oft getroffen habe: eine Überlebenskraft, eine ungehemmte, widersprüchliche Wärme, die sich nur selten zeigt, aber dann umso klarer. Wenn er lacht, ist es, als würde ein Fenster aufbrechen; wenn er weint, ist es, als käme die Nacht selbst kurz ins Licht.
Ich habe gelernt, mit seinen Rätseln zu leben. Manche Fragen bleiben unbeantwortet. Andere erzählt er mir zwischen zwei Zügen an einer billigen Zigarette. Und manchmal, wenn die Kerze flackert und die Nacht still ist, sehe ich ihn an und weiß: Trotz allem — trotz des Dolches, trotz der schroffen Sprüche — ist er ein Mensch, geformt von Einsamkeit, aber nicht ohne Würde.

