Uwe und die Musik

Als ich Uwe zum ersten Mal sah, spielte er Tamburin. Er klopfte auf allem herum, spielte Gitarre und sang — lautlos. Mitten in einer belebten Einkaufsstraße in Bruchsal an einem Samstagnachmittag im Mai war er in seiner eigenen Welt.

Ich wusste ihn nicht einzuschätzen. Sein Verhalten ließ sich nicht leicht einordnen. Es hieß, er sei gerade aus der Psychiatrie entlassen worden und habe zuvor alleine auf der Straße in Heidelberg gelebt. Erst im Laufe der Zeit erfuhr ich mehr von seinem Leben und lernte einen Mann kennen, der mich immer wieder aufs Neue beeindruckte und beschäftigte.

Er erzählte mir, dass er Sohn gehörloser Eltern war. Früh schon wurde er von Musik fasziniert und wurde selbst Musiker. Zwischen ihm und seinen Eltern jedoch klaffte eine unüberbrückbare Lücke; es gelang ihm nicht, ihnen seine Welt näherzubringen. Diese Distanz schien sich wie ein stiller Riss durch sein Leben zu ziehen.

Wenn Uwe trank, wurde er „komisch“. Er redete unaufhörlich — nicht wirr, sondern mit einer bemerkenswerten Konzentration. Es schien ihm gleichgültig, ob ihm jemand zuhörte oder sich parallel mit anderen unterhielt. Bei unserem ersten Treffen suchte er nach Körperkontakt, nach Nähe. Ich erinnere mich nicht mehr genau, worüber er sprach, aber seine Wortwahl war ausgesprochen intelligent und deutlich ungewöhnlich angesichts seiner seelischen Lage.

Er sprach immer wieder davon, wie froh er sei, endlich Menschen gefunden zu haben, die ihn so akzeptierten, wie er war. Dass er sich wohlfühle. Immer wieder ging er zu einzelnen Mitgliedern der Gruppe und bedankte sich. In diesen Momenten zeigte sich eine verletzliche Wärme, die im Alltag oft verborgen blieb.

2016 nahm sich Uwe das Leben.

Sein Bild bleibt mir: der Mann mit dem Tamburin in der Einkaufsstraße, der stille Drang nach Verbindung, die Musik als Sprache zwischen Welten, und die widersprüchliche Mischung aus Kraft und Zerbrechlichkeit. Seine Geschichte erinnert daran, wie eng Nähe und Entfremdung beieinanderliegen können — und wie wichtig es ist, hinzusehen, hinzuhören und nicht wegzubleiben.


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Der Mann und die Machete